Moderator Louis Klamroth hat bei „Hart aber fair“ keine Idee, worauf er hinaus will

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Von: Rolf-Ruediger Hamacher

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Moderator Louis Klamroth in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ im Studio in Berlin.
Moderator Louis Klamroth in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ im Studio in Berlin. © Screenshot ARD

„Saufen normal, Kiffen bald legal: Ist Deutschland auf dem falschen Trip?“ Leider gehört „Hart aber fair“ momentan nicht zu jenen TV-Formaten, die süchtig machen!

Frankfurt – Zum dritten Mal stieg Louis Klamroth am Dienstagabend (23. Januar) in den Ring, den Frank Plasberg nach 21 Jahren „Hart aber fair“-Moderation am Ende 2022 verlassen hatte – und quälte sich auch im dritten „Kampf“ mühsam über die Runden. Obwohl er (und seine Redaktion) sich ein Thema ausgesucht hatten, dass der Öffentlichkeit im Angesicht brisanterer Krisen noch nicht so auf den Nägeln brennt und deshalb keine allzu großen Emotionsausbrüche in der Talkrunde versprach.

Die war dann dementsprechend auch mit eher „netten“ ZeitgenossInnen besetzt, was dem „harmlosen“, um nicht zu sagen, langweiligen Moderationsstil Klamroths natürlich entgegenkam. Andererseits passte das, wenn auch im konträren Sinn, zum Thema der Sendung, in der es ja auch um Abhängigkeit ging: „Hart aber fair“ gehört momentan sicherlich nicht zu jenen TV-Formaten, die süchtig machen!

„Hart aber fair“: Die Gäste zum Thema „Saufen normal, Kiffen bald legal“

Zum Thema „Saufen normal, Kiffen bald legal: Ist Deutschland auf dem falschen Trip?“ diskutierten gestern Abend in der ARD folgende Gäste bei „Hart aber Fair“ :

  • Prof. Dr. Karl Lauterbach, (SPD), Bundesgesundheitsminister
  • Nathalie Stüben, Podcasterin und Journalistin, Buchautorin „Ohne Alkohol. Die beste Entscheidung meines Lebens“
  • Dr. Sabine Ahrens-Eipper, Kinder- und Jugendpsychologin
  • Markus Blume (CSU), Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst
  • Curly Howard, Rapper, Songwriter und Podcast-Host

„Hart aber fair“ (ARD): Lauterbach textet Publikum mit Fachbegriffen voll

11 Kästen Bier, 28 Flaschen Wein, 4 Flaschen Sekt und 5 Liter Schnaps – das ist die im Studio aufgebaute Menge Alkohol, die jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr trinkt.

Markus Blume sieht sich da nicht im Boot, Curly Howard und Karl Lauterbach outen sich als Genussmenschen, die sich den Wein nicht verbieten lassen wollen, obwohl sie dabei einige Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen („Krebs fördernd ist jedes Glas Alkohol“). Andererseits ist bei Herz- und Kreislauferkrankungen ein Gläschen Rotwein durchaus „gesund“. Lauterbach verweist auch auf den gesellschaftlichen Wandel: Der Alkoholkonsum ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weniger geworden.

Die Zeiten als jeder zweite Mann einmal im Monat sich dem Suff hingegeben hat, sind vorbei. Und auch die Unsitte, die er selbst als Jugendlicher im Sportverein erlebt hat, als man nach den Spielen an den Alkohol herangeführt wurde, ist Vergangenheit. Natürlich lässt es sich unser Chef-Epidemiologe nicht nehmen, uns mit medizinischen Fachbegriffen vollzutexten, die auch Klamroth die Sprache verschlagen und ihn in den Hinweis auf den Faktencheck flüchten lassen. Nachfragen wäre hilfreicher gewesen.

„Hart aber fair“ (ARD): Werbeverbot für Alkohol gefordert

Sehr klar ist Nathalie Stüben in ihren Aussagen über ihre überwundene Alkoholsucht: „Alkohol schadet ab dem ersten Tropfen. Aber die Abhängigkeit ist nur eine von 200 Krankheiten, die von ihm ausgelöst werden können.“ Und sie fordert vehement von der Politik ein Werbeverbot für Alkohol, die Einschränkung der Verfügbarkeit und die Anhebung der Preise. Sabine Ahrens-Eipper stimmt ihr zu und weist besonders auf die Wirkung auf Jugendliche hin, denen der Alkoholkonsum als „cool“ verkauft wird.

Als Klamroth Markus Blume mit der Frage, ob im Bierzelt ein bewusster Umgang mit Alkohol überhaupt möglich ist, provoziert, wird es etwas aufgeregter in der Runde. Die Brücke zur Legalisierung von Cannabis ist geschlagen und die gegensätzlichen Vorstellungen in der Drogenpolitik von Regierungs-Koalition und Opposition treten zutage, führen vor allem zu Scharmützeln zwischen Lauterbach und Blume („Saufen ist keine Legitimation fürs Kiffen“).

Blume sieht in dem geplanten Gesetzesentwurf eine Beteiligung der Bundesregierung am Drogenmarkt, mit der sie die gescheiterte Drogenpolitik in den Niederlanden links überholen will. Und er erinnert Lauterbach an seine Verpflichtung als zuständiger Minister, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. „Bei solch einem ernsten Thema kommt man mit einem politischen Gassenhauer nicht weiter“, kontert Lauterbach und erinnert ihn daran, dass in Bayern zwar der Alkoholkonsum weniger geworden, der Canabiskonsum aber gestiegen ist.

„Hart aber fair“ (ARD): Lauterbach verspricht Nachbesserung

Auch Sabine Ahrens-Eipper fordert Sachlichkeit ein: „Untersuchungen haben gezeigt, dass sich nach der Legalisierung von Drogen der Prozentsatz konsumierender Jugendlicher nicht erhöht hat. Viel wichtiger wäre es, kiffende Jugendliche psychologisch zu begleiten. Aber die Kassen bezahlen nur 10 Behandlungen.“

Sie spricht Lauterbach direkt auf diesen Missstand an – und der Minister verspricht Nachbesserung. Aber auch das wird an diesem Abend deutlich: Die Legalisierung zieht einen Rattenschwanz von Problemen hinter sich her. Wie kriegt man Drogen-Hotspots wie den Görlitzer Park in Berlin ausgetrocknet? Wann beginnt man mit der Aufklärung: schon in der Grundschule oder erst bei Jugendlichen? Harte Strafen bei Abgabe von Cannabis an Kinder und Jugendliche. „Und wie schützt man Kinder vor dem Passivkiffen, wenn ihre Eltern zu Hause oder im Auto Drogen konsumieren“, wirft Sabine Ahrens-Eipper besorgt ein.

Lauterbach verspricht, sich nicht die Niederlande, sondern das kanadische Model als Vorbild zu nehmen: lizensierte Betriebe zur Canabis-Herstellung und Abgabe, kein Online-Handel und Preise, die das Dealen unattraktiv machen. Da erinnert sich unser Rapper wehmütig an seine Jugend, als er in der Schweiz noch legal Drogen kaufen konnte – und beteuert, dass er sich nicht im Görlitzer Park Nachschub holt, sondern ständig nach Los Angeles fliegt, um sich legal einzudecken.

„HJart aber fair“ vom 23. Januar

„Saufen normal, Kiffen bald legal: Ist Deutschland auf dem falschen Trip?“ Die Sendung in der ARD-Mediathek

„Hart aber fair“ (ARD): Moderator Klamroth hat keine Idee, worauf er hinaus will

Während Curly Howard zu jenen entspannten Kiffern gehört, die in der Legalisierung kein Problem sehen, ist die von Brigitte Büscher eingeholte Stimme des Volkes zwiegespalten: Obwohl unter den 18- bis 65-Jährigen 4,5 Millionen regelmäßig Drogen nehmen, raten viele Kiffer aus eigenen, negativen Erfahrungen von einer Legalisierung ab.

Für den Staat könnte sich die Legalisierung allerdings nicht nur im Hinblick auf eine steuerbare Aufklärung und Prävention rechnen: Er würde 4,7 Milliarden pro Jahr einnehmen und 27.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Alles Themen, die an diesem Abend im Schnelldurchlauf eher abgehakt als intensiv – und schon gar nicht provokativ – diskutiert wurden. Aber dafür bräuchte man auch einen Moderator, der irgendeine Idee hat, worauf er hinaus will. Vielleicht klappt es bei der nächsten Talk-Runde: Ein Boxkampf hat ja schließlich auch zwölf Runden! (Rolf-Ruediger Hamacher)